Rassistisch handeln und doch kein Rassist sein?

Kann jemand eine rassistische Handlung begehen, obwohl er kein Rassist ist? So müsste die Frage lauten, betrachtet man rückblickend den Trubel um ein Wahlplakat der Grünen in Kaarst, das den nackten Po einer schwarzen Frau im Griff von zwei weißen Frauenhänden zeigte.

Ist das Rassismus und Sexismus? Wie das Feedback zum Plakat zeigt,wird es als rassistisch und sexistisch wahrgenommen. Dass es ausgerechnet ein Plakat der Grünen ist, denen eigentlich keiner so etwas zugetraut hätte, macht die Betroffenen umso bestürzter.

In meinen Augen muss man hier mehrere Punkte unterscheiden:

  1. Ob eine Äußerung rassistisch ist oder nicht, entscheiden die Betroffenen, nicht diejenigen, die die Äußerung getätigt haben. Schließlich können die Empfänger der Botschaft nicht wissen, was der Sender eigentlich gemeint hat. Sie können nur die Wirkung der Botschaft überprüfen. Ein Witz ist z. B. auch nur dann witzig, wenn das Publikum lacht und nicht, weil der Erzähler meint, der Witz sei witzig.
  2. Es ist dabei völlig unerheblich, ob der Rassismus oder Sexismus beabsichtigt war oder nicht. Wenn ich eine Vase umstoße und sie dabei zerbricht, dann ist die Vase zerbrochen, ob ich sie nun mit Absicht umgestoßen habe oder nicht.
  3. Wenn jemand eine rassistische oder sexistische Äußerung getätigt hat, heißt das nicht, dass diese Person automatisch auch ein Rassist oder Sexist sein muss. Tatsächlich sind verbale Unfälle an der Tagesordnung, weil wir in der Regel nicht in der Haut des anderen stecken und daher gar nicht wissen (können), was der andere denkt oder fühlt (haben die Grünen in Kaarst einmal potenziell Betroffene gefragt, was sie von dem Plakat halten?). Wenn eine Handlung oder Äußerung aber einmal als rassistisch und sexistisch beurteilt wird, ist es falsch zu versuchen, die Handlung oder Äußerung zu relativeren. Damit schiebt man die Verantwortung für den erlebten Rassismus und Sexismus den Betroffenen zu, so als sei das Publikum dafür verantwortlich, wenn es einen Witz nicht versteht, und nicht der Witzeerzähler.
  4. Dieser Unfall mit dem Plakat ist in meinen Augen kein spezifisch deutsches Problem. Unwissenheit, mangelndes Einfühlungsvermögen und mangelnde interkulturelle Kompetenzen sind menschliche Probleme und Defizite, die sowohl bei Deutschen und Nicht-Deutschen oder Männern und Frauen anzutreffen sind.
  5. Selbst das Bestreben, sich der Problematik zu entziehen, scheint einfach nur menschlich zu sein. Wie sonst könnte eine solche Aussage der Grünen zustande kommen?

Weder die NRW-Grünen noch die Kaarster Grünen denken oder handeln rassistisch oder sexistisch, sondern im Gegenteil: Die Gleichberechtigung von Frauen und Männern, die Gleichstellung und Integration von Menschen unterschiedlicher Herkunft gehören zum Grundkonsens und alltäglichen Handeln unserer Partei.

Mitteilung der Grünen in Kaarst vom 10.08.09:
„Grünes Plakat sorgt für Aufregung“

Sind Migranten zu empfindlich? Vielleicht. Sind Deutsche rassistisch? Nicht viel mehr oder weniger als Nicht-Deutsche auch. Bitter stößt in diesem Fall nur auf, dass die Kaarster Grünen offenbar gar nicht sehen, wo das Problem ist. Denn wenn selbst diejenigen, für die „die Gleichberechtigung von Frauen und Männern, die Gleichstellung und Integration von Menschen unterschiedlicher Herkunft […] zum Grundkonsens und alltäglichen Handeln“ gehören, nicht erkennen, ob und wann ihr Handeln rassistisch und sexistisch wirkt, was sollen wir dann von anderen erwarten, für die all das nicht zum Grundkonsens gehört?

Fazit: Nicht das Plakat ist das eigentliche Problem, sondern, dass offenbar (denn so wirkt die Aussage der Grünen auf mich) aus dem Feedback nichts gelernt wurde. Kann jemand eine rassistische Handlung begehen, obwohl er kein Rassist ist? Ja, natürlich kann man – unbewusst oder bewusst – eine rassistische Handlung begehen kann, auch wenn man eigentlich kein Rassist ist.

Ich persönlich lerne wieder mal daraus, dass Deutsche und Migranten mehr miteinander reden und einander zuhören müssen, um besser zu verstehen, was und wie der andere denkt, fühlt und lebt. Wir dürfen unser Tun nicht wie selbstverständlich für fehlerfrei halten, nur weil wir es nicht böse gemeint haben.

Veröffentlicht von Daniel Sanghoon

Hi, ich bin Daniel Sanghoon Lee. Hier schreibe ich auf, was mich als Koreaner der zweiten Generation beschäftigt. Kommentare sind willkommen, werden aber moderiert. Da ich berufstätig bin, kann es etwas dauern, bis Dein Kommentar hier erscheint. Beim Kommentieren bitte ich, die Kommentarregeln zu beachten. Danke! ^^

11 Kommentare

  1. Warum Du schwarz mit migrantisch gleichsetzt, müsstest Du jetzt aber schon erklären…
    – noch wie was von schwarzen Deutschen gehört?

    • Liebe Person,
      1. warum dieser aggressive, fordernde Ton? War mein Beitrag hier auch so aggressiv?
      2. Kann es sein, dass Du strikt zwischen Migranten und Deutschen trennst, d.h. entweder ist jemand Migrant ODER Deutscher? Kann nach Deinem Verständnis ein Mensch beides sein oder nicht?
      3. Deine Frage suggeriert, dass ich schwarze Deutsche ausschließen würde bzw. dass Schwarze nur Migranten sind, aber keine Deutsche. Für mich ist ein schwarzer Deutscher auch gleichzeitig ein Migrant, sprich, im Moment ist ein Schwarzer für mich stets auch Migrant. Er kann auch ein Deutscher sein, das ist für mich kein Widerspruch. Ich bin selbst Deutscher und Migrant zugleich.
      4. Wenn Du anderer Meinung bist, dann definiere mir bitte erst einmal die Begriffe „Schwarzer“, „Migrant“ und „Deutscher“ (ich nehme jetzt der Einfachkeit halber nur die männlichen Begriffe), bevor wir beide dieselben Begriffe benutzen, aber etwas anderes meinen und dann aneinander vorbei reden.
      5. Und zum Rest hast Du nichts zu sagen?
      Bin auf Deine Antworten gespannt.
      Daniel ^^

  2. Oh, sorry, wollte gar nicht so aggressiv rüberkommen, weil ich Deinen Text eigentlich mochte und hoffe, dass ihn viele Leute lesen. Mich hat nur geärgert, dass durch die fast synonyme Verwendung von schwarz und migrantisch (im Sinne von „nicht aus Deutschland“) der Eindruck entsteht, Deutschsein sei gleichbedeutend mit Nicht-Schwarzsein und Schwarzsein sei gleichbedeutend mit „nicht aus Dtl. sein“.

    Und ich verstehe nicht, warum für Dich Schwarzsein stets auch Migrantsein bedeutet. Denn wenn z.B. die Ururururur-Großeltern vor über hundert Jahren nach Dtl. eingewandert (oder auch verschleppt worden) sind, definiert man sich ja nicht unbedingt als migrantisch im Sinne von „nicht aus Dtl.“?

  3. Stimme soweit zu, allerdings hinkt dein Punkt 2. Natürlich ist es ein Unterschied ob etwas absichtlich oder unabsichtlich passiert. Im Strafrecht gibt es ja auch die Unterscheidung zwischen Totschlag und Mord, oder eine Unterscheidung ob eine Handlung fahrlässig oder nicht bewusst begangen worden ist.

    • @Ben: Was das Resultat anbetrifft (Rassismus, ein toter Mensch), ist es erst mal egal, ob die Ursache absichtlicher oder unabsichtlicher Natur ist. Rassismus ist Rassismus, ein toter Mensch ist ein toter Mensch, sprich, der Schaden ist passiert. Egal, ob beabsichtigt oder nicht.
      Die Absicht spielt, und da gebe ich Dir gerne Recht, eine Rolle, wenn es zur Bewertung/Sanktionierung kommt. Das Po-Plakat der Grünen ist zwar kritisiert worden. Aber ich denke, die Kritik wäre anders ausgefallen, wenn die NPD so ein Plakat aufgehängt hätte.

  4. Danke Daniel, schöner Beitrag zum Thema. Die Differenzierung der verschiedenen Punkte trifft den Nagel auf den Kopf! Cool!

    Eine Kleinigkeit bereitet mir allerdings (wie auch der „einen person“) Bauchschmerzen:

    Du schreibst in Kommentar 3: „…für mich ist ein schwarzer Deutscher auch gleichzeitig ein Migrant, sprich, im Moment ist ein Schwarzer für mich stets auch Migrant…“

    Das mag für Dich so sein, generell ist es aber nicht so, denn:

    1. ein Migrationshintergrund setzt gerade eine Migration voraus, also den Vorgang des Zuzuges nach Deutschland. Das mag bei vielen Menschen in Deutschland zutreffen, ist allerdings nicht automatisch bei jedem Afrodeutschen der Fall.

    2. „schwarz“ ist lediglich ein äußerliches Attribut, keines der Nationalität oder Herkunft.

    Ich muss allerdings zugeben, dass dies ein weitläufiges Thema ist, das leider immer wieder Zündstoff in sich birgt und Anlass von Diskussionen ist…

  5. Ein gutes Alltagsbeispiel für unbewusste „Fremdenfeindlichkeit“ (klingt blöd ist aber so) ist die typische Urlaubsfrage an einen Migranten oder davon abstammenden: „Und bei dir, geht`s zurück in die Heimat?“

    Hat mir gut gefallen dein Text.

  6. Vielen Dank für die Kommentare. ^^

    @eine Person und rob: Deutscher und/oder Migrant… das ist eine Frage, die ich tatsächlich nicht so einfach in den Kommentaren beantworten kann. Ich bereite dazu noch einen Eintrag vor.
    Was ich mich frage ist, wer legt die Definitionen fest?
    Ich bin hier in Deutschland geboren. Bin ich damit für euch tatsächlich kein Migrant mehr?
    Wow, das wäre in der Tat das erste Mal, dass ich nicht als Migrant gesehen werde. ^_~

  7. Pingback: Kaarst - Nicht nur die Plakate sind daneben | Zeit für Grün

  8. @Ski
    „“schwarz” ist lediglich ein äußerliches Attribut, keines der Nationalität oder Herkunft.“

    Deshalb finde ich die akademische Großschreibung auch bei Adjektiven okay: Schwarze Deutsche etc.

    Danke an Daniel für den gelungenen Artikle. Und bewirt hat es ja auch schon etwas: @grüne.

    Grüße, k.m.