Fremdbestimmung macht Stress

Gestern griff ich in der Grabbelkiste zu Lothar Seiwerts Buch »Ausgetickt – Lieber selbstbestimmt als fremdgesteuert. Abschied vom Zeitmanagement«. Dabei reizte mich weniger das Wort Zeitmanagement als das Wort fremdgesteuert. Denn wenn ich mir die Klagen der sogenannten »Migranten« ansehe, dass lassen sich diese »Klagen« durchaus auch unter dem Begriff »fremdgesteuert« zusammenfassen.

»Fremdbestimmung macht Stress« stellt Seiwert auf S. 18 fest. Bei Stress und Kulturen fällt mir automatisch der sogenannte »Kulturschock« (PDF-Datei, 41 KB) ein, der ja in Wirklichkeit »Kultur-Stress« ist. Tatsächlich kann es passieren, dass uns fremde Kulturen durch das Unbekannte bewusst und unbewusst stressen, wenn wir Dinge und Handlungen überhaupt nicht mehr einzuschätzen wissen. Selbstbestimmtheit bedeutet ja, selbst zu wissen und zu können, was man will. In fremden Kulturen mitunter nicht immer so einfach.

Wem die deutsche Kultur also nicht so vertraut ist, der hat in Deutschland möglicherweise ein stressigeres Leben als diejenigen, denen das Leben hier vertraut ist.

Bereits auf S. 21 gefällt mir ein anderer Gedanke, es geht um Souveränität, also alles im Griff haben, Herr der Lage sein:

»In der Politik ist der Souverän der Ausgangspunkt der Staatsgewalt – sei es ein König oder das wählende Volk, es ist die Institution, die sich im Endeffekt von niemandem etwas vorschreiben lässt, sondern selbst vorschreibt.«

»Jemandem etwas vorschreiben«, so kommt mir auch der Tenor der Integrationsdebatte häufig vor. Und das erklärt mir gleichzeitig, warum Migranten nicht souverän werden dürfen: Der Souverän, in diesem Fall die Mehrheitsgesellschaft, wäre nicht mehr alleiniger Herr der Lage, hätte nicht mehr alles allein im Griff. Der Souverän muss teilen. Er muss Macht abgeben.

Diese Logik funktioniert allerdings nur, solange wir alle zwischen Mehrheitsgesellschaft und Minderheiten/Migranten unterscheiden. Zwischen »Deutschen« und »Türken/Koreanern/Kamerunern/etc.«. Umso wichtiger wird es in Zukunft sein, dass wir darüber reden, welche Identität unsere gemeinsame Identität in diesem Lande sein soll, unter der wir alle selbstbestimmt leben können, ohne dass der eine dem anderen vorschreibt, wie er zu leben hätte.

Interessant an Seiwerts Buch(titel) finde ich, dass auch in der Mehrheitsgesellschaft offenbar ein tiefempfundenes Gefühl von Fremdbestimmtheit vorhanden ist, das die Menschen in diesem Lande stresst und frustriert. Möglicherweise liegen die Abwehrreaktionen der Mehrheitsgesellschaft gegenüber »Minderheiten« weniger an den Minderheiten selbst, sondern an der generellen beruflichen/sozialen/gesellschaftlichen Fremdbestimmtheit, die viele Menschen verspüren. Oder anders formuliert: Je mehr ein Mensch sich selbst als selbstbestimmendes Wesen wahrnimmt, desto weniger stören ihn »Fremde«, desto offener ist er ihnen gegenüber.

Ob das Buch darüber hinaus noch was taugt, weiß ich nicht. Denn schon beim Lesen der ersten Seiten schleicht sich mir der Verdacht ein, hätte Professor Seiwert einen wissenschaftlichen Aufsatz zu diesem Thema geschrieben, sein Buch wäre nicht mal halb so umfangreich. Einige Rezensionen auf Amazon deuten schon auf den hohen Prosa- und Selbstdarstellungsanteil hin.

Veröffentlicht von Daniel Sanghoon

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