Zwischen den Zeilen: Leben in Südkorea „Selten so viel Drama erlebt“

Screenshot vom 12.02.2018

Screenshot vom 12.02.2018: Leben in Südkorea „Selten so viel Drama erlebt“

Ein Interview auf SPIEGEL Online mit Sören Kittel, der mehrere Jahre in Südkorea gelebt und jetzt ein Buch darüber geschrieben hat. Ein interessantes Interview, bei dem mir ein paar Punkte aufgefallen sind.

«SPIEGEL ONLINE: Spürt man die Teilung im Alltag?

Kittel: Ja, an einem meiner ersten Tage in Seoul hat mich eine Sirene überrascht. Für 15, 20 Minuten hielten die Autos an, und alle gingen in Luftschutzbunker, in die 100 Meter tiefen U-Bahn-Stationen. Alle paar Monate wird so ein Drill durchgeführt und die ganze Stadt dafür in einem Ausnahmezustand versetzt. Für die Koreaner ist das normal.»

Quelle: SPIEGEL Online: Leben in Südkorea. „Selten so viel Drama erlebt“, 12.02.2018, abgerufen am 12.02.2018

Die meisten Journalisten nehmen diese Ereignisse immer als Beweis für die Gefahr aus dem Norden.

Dabei übersehen sie gerne etwas anderes: dass nämlich auch die Menschen im Süden einer gewissen Politik und Propaganda unterworfen sind und sich dieser auch größtenteils fügen.

Ende der 1980er Jahren war ich in Seoul zufälligerweise an so einem Tag mit Verwandten in einem Restaurant und beobachtete, wie sich ein Mann nur widerwillig dem U-Bahn-Eingang näherte. Sofort war ein Mann mit Schlagstock da, der ihn mit Schlägen in Richtung Beine motivieren wollte, der Aufforderung, sich „Schutz“ zu suchen, schneller zu folgen.

Seit damals frage ich mich, ob derartige „Luftschutzübungen“ wirklich dem Schutz der südkoreanischen Bevölkerung vor nordkoreanischen Luftangriffen dienen oder eher der ständigen Disziplinierung des südkoreanischen Volkes.

Auch der letzte Satz spricht Bände: «Für die Koreaner ist das normal.»

Ja. Aus meiner Sicht ist es in der koreanischen Kultur „normal“, dass der Bürger dem Staat gehorcht. Sowohl im Süden als auch im Norden. Auch diese Dinge müssen berücksichtigt werden, wenn man verstehen will, warum das Volk in Nordkorea nicht einfach gegen seine Führung „rebelliert“ (natürlich ist dieser Aspekt der koreanischen Mentalität nicht der einzige Grund).

Insgesamt ein interessantes Interview, schildert es doch die Eindrücke von einem Menschen, der sich die Zeit genommen hat, Korea mal kennenzulernen, im Gegensatz zu vielen sogenannten Journalisten.

Der einzig grobe Schnitzer, der mir wirklich aufstößt, steht im Infoteil des Artikels:

«1945 – Nach der Kapitulation Japans im Zweiten Weltkrieg wird Korea unabhängig, aber unter den Siegermächten entlang des 38. Breitengrades aufgeteilt: Die Sowjetunion übernimmt die Verwaltung des Nordens, die USA die des Südens.»

Ähm. Wenn ein Land von den USA und der Sowjetunion in zwei Besatzungszonen aufgeteilt wird gegen dem Willen des koreanischen Volkes, wie kann man da sagen, dass Korea „unabhängig“ geworden sei? Vor allem, wenn man bedenkt, dass die USA vom koreanischen Volk eigenorganisierte Wahlen verboten hat und ihm stattdessen eine Militärregierung vorsetzt, bestehend aus US-Militärs, von den USA ausgesuchten Exilkoreanern und Koreanern, die mit den japanischen Kolonialherren kollaboriert haben?

Sind das Kennzeichen eines „unabhängigen“ Landes?

Da wirkt auch der Satz von Kittel «Auch die Trennung ist ja nicht selbstverschuldet, die wurde den Koreanern von den Westmächten und China aufgedrückt.» nicht ganz so schlimm. Die Teilung wurde den Koreanern nicht von den Westmächten und China aufgedrückt. Denn das wäre ja nur der Fall, wenn Korea erst seit dem Koreakrieg geteilt wäre. Aber die eigentliche Teilung wurde den Koreanern von den USA und der Sowjetunion auferzwungen (siehe weiter oben).

Veröffentlicht von Daniel Sanghoon

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