Der Glaube an Menschenrassen

In Diskussionen über Integration stoße ich immer wieder auf einen bestimmten Satz: Man sieht doch, dass Du kein Deutscher bist! Und wenn ich nachfrage, was das Aussehen denn damit zu tun hat, ob ich ein Deutscher bin oder nicht, fängt das Nuscheln um die Unterschiedlichkeit menschlicher Rassen an.
Menschenrassen? Existieren nur in unseren Köpfen, denn wissenschaftlich lässt sich dieser Glaube nicht halten.

Für viele Menschen fängt Rassismus leider erst dann an, wenn Menschen aufgrund äußerer körperlicher Merkmale konkret benachteiligt werden.
Für mich fängt Rassismus bereits mit dem Glauben an unterschiedliche Rassen an.
Denn wissenschaftliche Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte haben zu folgenden Ergebnissen geführt:

1. Optisch mögen Unterschiede klar vorhanden sein („Man sieht doch, dass Du kein Deutscher bist!“). Aber biologisch bzw. genetisch ist die Hautfarbe oder die Augenform nur ein Merkmal von vielen:

„Der amerikanische Genetiker Richard Lewontin hat es 1974 auf den Punkt gebracht: „Der genetische Unterschied zwischen 2 Menschen aus verschiedenen Ländern eines Kontinents ist nur um 7% größer als der zwischen 2 Menschen aus dem gleichen Land. Selbst der Unterschied zwischen einem zufällig gewählten Afrikaner und einem Europäer ist im Durchschnitt nur um 15% größer als der zwischen 2 Menschen aus dem gleichen Dorf!“
Diese Ergebnisse der Genetik erzählen die Geschichte der Menschen auf eine völlig neue Weise: Es ist eine Geschichte ständiger Vermischung. Je genauer wir eine Bevölkerungsgruppe analysieren, desto vielfältiger wird sie. Ausnahmen sind die Regel!
Nur wenn zwei Gruppen voneinander völlig isoliert sind, können sie sich im Lauf der Zeit sosehr auseinanderentwickeln, daß verschiedene Arten entstehen. Bei Säugetieren dauert ein solcher Prozeß 1 Million Jahre – eine Million Jahre strikter Isolation!
Wir wissen aber, daß es den Jetzt-Menschen erst seit 300.000 Jahren gibt. Und in dieser Zeit hat er nicht aufgehört, sich zu bewegen und zu vermischen – von Nachbardorf zu Nachbardorf, über ganze Kontinente hinweg. Manchmal langsam, manchmal sehr schnell, unter dem Druck von Hunger, Trockenheit und Krieg. Und immer wieder hat er genetische Spuren hinterlassen. Manche dieser Spuren hat die Zeit verweht. Manche haben sich aber tief eingeprägt und im Laufe der Generationen vervielfacht.“

Christian Schüller: Ausnahmen sind die Regel. Die moderne Genetik widerlegt den Rassismus. Kapitel aus dem Buch: Rasse Mensch. Jeder Mensch ein Mischling; Christian Schüller/Petrus van der Let (Hrsg.), Euro 14,50, ISBN 3-932710-14-2, erschienen 1999

Für seriöse Wissenschaftler sind die genetischen Unterschiede zwischen den heutigen Menschen so gering, dass sie nicht die Unterteilung von Menschen in unterschiedliche Rassen rechtfertigen. Egal, was wir da sehen. Denn wie willkürlich dabei die Auswahl der körperlichen Merkmale ist, ist ebenfalls in dem verlinkten Artikel nachzulesen.

2. Es gibt einen grundlegenden Zusammenhang zwischen der Intensität der ultravioletten Strahlung und der Hautpigmentierung von Menschen, der für die unterschiedlichen Farben der Haut verantwortlich ist:

„Im Jahr 2000 hat die Anthropologin Nina Jablonski eine Theorie über den Ursprung und die Evolution der Hautfarben aufgestellt. Laut ihrer Studie helfe die Pigmentierung dem menschlichen Organismus, zwei für die Entwicklung und Fortpflanzung elementare Vitamine im Gleichgewicht zu halten. Zum einen das unter Sonneneinstrahlung produzierte Vitamin D. Zum anderen die für die Entwicklung des Embryos und die Spermienproduktion wichtige Folsäure. Da zuviel UV-Strahlung wiederum zum Abbau der Folsäure führt, habe unsere Haut im Laufe der Zeit einen perfekten Kompromiss gefunden: nämlich gerade soviel Sonnenlicht aufzunehmen, um Vitamin D zu produzieren und gleichzeitig die Folsäure zu schützen. Laut Jablonski ist die Pigmentierung also eine evolutive Anpassung an die Lichtverhältnisse und UV-Strahlung in der jeweiligen Region der Erde.“

ARTE: Die Farben der Haut, Dokumentation von 2010

Als der Mensch von Afrika aus die anderen Kontinente eroberte, hat sich seine dunkle Haut als ungünstig für das nördliche Klima erwiesen, so dass sich von seinen Nachkommen die hellhäutigeren Schritt für Schritt durchgesetzt haben. Die Hautpigmentierung selbst ist damit ein Produkt der Evolution, beeinflusst durch das Klima, und nicht der Beweis für die Existenz unterschiedlicher „Rassen“.

Auch diese Erkenntnis macht deutlich, wie unsinnig es ist, in „Rassenkategorien“ zu denken.

Punkt 2 wird in der Dokumentation „Die Farben der Haut“ wunderbar erklärt, die letztes Jahr auf ARTE lief. Leider müssen wir wohl darauf warten, bis diese Dokumentation wieder im deutschsprachigen Fernsehen ausgestrahlt wird, denn online scheint sie leider nicht verfügbar zu sein. Eigentlich müssten solch fundamentalen und gesellschaftlich wichtigen Erkenntnisse zum allzeit verfügbaren, öffentlichen Gut gehören, anstatt dass Menschen, die sich ernsthaft mit dem Thema Rassismus beschäftigen wollen, danach mühevoll suchen müssen.

Umso glücklicher bin ich, einen Vortrag der Anthropologin Nina Jablonski bei den TED Talks gefunden zu haben, in dem sie den Kern ihrer Forschung sehr anschaulich präsentiert (für das Video sind verschiedene Untertitel verfügbar):

Warum ist mir das Thema so wichtig?

Ich stelle 2 Dinge immer wieder fest.

1. Selbst Menschen, die sich gegen Diskriminierung jeglicher Art engagieren, sind nicht frei von rassistischen Vorstellungen, solange in der Gesellschaft (und nichtwissenschaftlichen Welt) der Glaube an unterschiedliche „Menschenrassen“ vorherrscht. „Man SIEHT ja die Unterschiede!“ ist so ein gängiges Mantra, meist schnell gefolgt von einem „aber das ist ja nicht so wichtig“. Dabei gleicht sonst kein Mensch dem anderen (mal von eineiigen Zwillingen mal abgesehen) – wir sind alle unterschiedlich. Noch wichtiger ist aber, dass die Hautfarbe oder die Augenform nichts, aber auch gar nichts aussagen über meine Fähigkeiten, Talente, Einstellungen und Werte. Besonders letzteres wird durch Erziehung und Sozialisation erworben und steckt nicht in der Farbe der Haut. Aber allein das Denken in „Rassenkategorien“ beeinflusst unbewusst die Wahrnehmung und damit die Einstellung und Handlung.
Und auch „positiver Rassismus“ ist Rassismus (nein, es stimmt nicht, dass Asiaten aufgrund ihrer „Rasse“ alle fleissig seien, wie ich noch letzte Woche einem Deutschen ohne Migrationshintergrund versucht habe zu erklären…).

2. Gegen Rassismus und rassistische Vorstellungen zu argumentieren fiel mir in der Vergangenheit schwer. Weil ich von den wissenschaftlichen Erkenntnissen der letzten Jahre in der Schule nichts erfahren habe und diese Erkenntnisse auch in den öffentlichen Medien nicht wirklich nachhaltig verbreitet werden (ARTE ist da mal eine rühmliche Ausnahme). Ich denke, anderen geht/ging es genauso.
Gerade für die Menschen, die eigentlich niemanden diskriminieren wollen, aber aufgrund ihres Glaubens an Menschenrassen Alltagsrassismus nicht sehen, bagatellisieren oder selbst leben und damit die Grundlage für extremeren Rassismus schaffen, gerade für diese Menschen tut es mir leid, dass diese wissenschaftlichen Erkenntnisse im Alltag nicht präsent sind.

Das muss nicht sein!

Und wenn wir einmal verstanden haben, dass es keine unterschiedlichen Menschenrassen gibt (ich gehe mal davon aus, dass der Neandertaler und seine Kollegen auch wirklich ausgestorben ist), dann können wir vielleicht auch endlich verstehen, dass das Deutschsein nicht am Aussehen und an der „Rassenzugehörigkeit“ geknüpft ist („Man sieht doch, dass Du kein Deutscher bist!“), sondern an der Sozialisation hier in Deutschland und der Verbundenheit mit Deutschland.

Zum Abschluss noch aus der ARTE-Reihe „Mit offenen Karten“ die Episode „Die Entstehung des Rassismus“:

Veröffentlicht von Daniel Sanghoon

Hi, ich bin Daniel Sanghoon Lee. Hier schreibe ich auf, was mich als Koreaner der zweiten Generation beschäftigt. Kommentare sind willkommen, werden aber moderiert. Da ich berufstätig bin, kann es etwas dauern, bis Dein Kommentar hier erscheint. Beim Kommentieren bitte ich, die Kommentarregeln zu beachten. Danke! ^^

5 Kommentare

  1. Wenn es darum geht, dass es keine essentialistischen Menschenrassen gibt, also Asiaten ganz anders sind als Afrikaner, dann würde ich zustimmen.

    Aber Unterschiede im Schnitt gibt es natürlich schon.

    Warum auch nicht, die verschiendenen Völker waren, wie genetische Tests zeigen, recht lange von einander getrennt.

    Allerdings ist unsere getrennte Geschichte nach der Out of Africa Theorie eben noch nicht so lange her, dass die Unterschiede riesig sind.

    Dabei ist zu bedenken, dass auch kleine genetische Unterschiede sich auswirken können. Westafrikaner haben zb einen im Schnitt höheren postnatalen Testosteronspiegel, was sich natürlich auch zu einem gewissen Grad auf das Verhalten auswirkt. Asiaten haben, wenn ich Manning richtig im Kopf habe, einen höheren pränatalen Testosteronspiegel im Schnitt. Da dieser einiges an unserer Gehirnstruktur beeinflusst erklärt das vielleicht auch, warum asiatische Auswanderer, obwohl unter sehr schlechten Bedingungen gestartet, in Amerika sehr schnell große Erfolge hatten und auch heute in der Wissenschaft stark vertreten sind.

    Ebenso wie die Ashkenazi, die aufgrund ihrer Geschichte eine starke Selektion auf Intelligenz hinter sich haben (was blieb ihnen auch anders übrig, die meisten Berufe waren ihnen nicht erlaubt) und daher überproportional viele sehr intelligente Leute haben.

    Das hat natürlich nichts mit besser oder schlechter zu tun oder sagt auch nichts über deren Wert als Mensch aus, das wäre ein naturalistischer Fehlschluss.

    Aber dennoch sollte man es nicht einfach komplett ausblenden. Gerade dadurch kann nämlich auch Rassismus entstehen, siehe Ashkenazi

    • @Christian:
      „Aber Unterschiede im Schnitt gibt es natürlich schon.
      Warum auch nicht, die verschiendenen Völker waren, wie genetische Tests zeigen, recht lange von einander getrennt.“

      Damit widersprichst Du meinem ersten Zitat, wo steht: „Wir wissen aber, daß es den Jetzt-Menschen erst seit 300.000 Jahren gibt. Und in dieser Zeit hat er nicht aufgehört, sich zu bewegen und zu vermischen…“

      Gibt es eine Quelle für die von Dir genannten genetischen Tests?

      „Dabei ist zu bedenken, dass auch kleine genetische Unterschiede sich auswirken können.“

      DAS trifft aber auf alle Menschen zu. Wobei, wenn ich mir das Gebiet der Epigenetik ansehe, kommen wohl noch ganz andere spannende Erkenntnisse auf uns zu. http://de.wikipedia.org/wiki/Epigenetik

      „Westafrikaner haben zb einen im Schnitt höheren postnatalen Testosteronspiegel, was sich natürlich auch zu einem gewissen Grad auf das Verhalten auswirkt. Asiaten haben, wenn ich Manning richtig im Kopf habe, einen höheren pränatalen Testosteronspiegel im Schnitt.“

      Das mit dem postnatalen Testosteronspiegel scheint nicht unumstritten zu sein.
      http://www.feministisches-institut.de/biologischer-determinismus/

      Und solange ich selbst nicht als Europäer gelte (da ich hier in Deutschland geboren und aufgewachsen bin), halte ich die Formulierung „Westafriker“ und „Asiaten“ für kritisch, weil sie wieder „Rassen“ suggeriert. Menschen aus Westafrika und Menschen aus Asien (welches Asien? Asien ist riesengroß) wäre für mich sinnvoller. Und auch dann stellt sich mir die Frage, leben alle untersuchten Menschen unter den selben Lebensumständen, so dass Umwelteinflüsse ausgeschlossen werden können?

      „Ebenso wie die Ashkenazi, die aufgrund ihrer Geschichte eine starke Selektion auf Intelligenz hinter sich haben…“

      Ich habe mich mit dieser Gruppe von Menschen noch nicht auseinandergesetzt. Aber soweit ich weiß, sind die Kinder von intelligenten Menschen nicht zwangsläufig genauso intelligent oder intelligenter als ihre Eltern zusammen. Deswegen meine Frage: Wie seriös ist hier die Forschung und ist gewährleistet, dass ideologische oder religiöse Beweggründe ausgeschlossen sind? Und da die Lebensumstände dieser Gruppe betont wird, spricht das dann nicht eher für eine epigenetische Veränderung als für eine genetische?
      Ich bin da kein Experte, aber für mich würde das plausibler klingen.

      „Das hat natürlich nichts mit besser oder schlechter zu tun oder sagt auch nichts über deren Wert als Mensch aus, das wäre ein naturalistischer Fehlschluss.“

      Und trotzdem frage ich mich, warum wir uns so mit den Unterschieden beschäftigen statt mit den Gemeinsamkeiten. Denn das Problem ist folgendes:

      „Man sieht doch, dass Du kein Deutscher bist“.

      Der „große“ Unterschied zwischen einem Deutschen ohne Migrationshintergrund und mir ist, dass ich „Schlitzaugen“ habe und die meisten Menschen in Deutschland nicht. Alle anderen Kriterien wie Sprache, Werte, Hobbys, Beruf, etc. spielen keine Rolle. Warum?
      Was macht „den Deutschen“ aus?
      Bislang offenbar die „Rasse“ bzw. „Rassenzugehörigkeit“.

      „Aber dennoch sollte man es nicht einfach komplett ausblenden. Gerade dadurch kann nämlich auch Rassismus entstehen, siehe Ashkenazi“

      Wir Menschen unterscheiden uns alle genetisch voneinander. Oder anders gefragt, wie viele genetische Gemeinsamkeiten und Unterschiede weist Du mit anderen Deutschen ohne Migrationshintergrund auf (ich unterstelle Dir jetzt mal, auch ein Deutscher ohne Migrationshintergrund zu sein)?
      Indem wir unser Augenmerk auf nur wenige von Hunderten von genetischen Merkmalen lenken, legen wir die Grundlage für Rassismus. Das heißt, einen kleinen Unterschied zu betonen (und genetisch gesehen ist auch die Hautfarbe nur ein kleiner Unterschied) erzeugt Rassismus.

  2. Ein interessantes Buch, das ich mal zum Thema Unsinnigkeit des Rassebegriffs gelesen habe, ist „Gene, Völker und Sprachen“ von Cavalli-Sforza.

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