Liebe Presse, könnt ihr auch mal ideologiefrei über Nordkorea schreiben?

Vor ein paar Wochen hatte ich einen kurzen, aber heftigen Hautausschlag. Teilweise sah meine Haut so aus, als hätte ich voll in Brennnesseln gegriffen. Der Grund für meinen Hautausschlag war aber eine allergische Reaktion auf etwas in meinem Essen. Möglicherweise sind auch mehrere Faktoren auf einmal zusammengekommen, die nur durch diese Kombination diese Reaktion ausgelöst haben. Hätte ich nicht gewusst, dass ein derartiger Hautausschlag auch als allergische Reaktion auf Lebensmittel entstehen könnte, ich hätte gedacht, ich leide an Alzheimer, konnte ich mich doch nicht daran erinnern, in Brennnesseln gegriffen zu haben.

Ein Symptom wie Hautausschlag kann also verschiedene Ursachen haben. Ein oberflächlicher Blick auf den Hautausschlag allein hätte keine befriedigende Antwort geliefert.

Ähnlich sieht es mit Nordkorea aus. Oberflächlich betrachtet macht sich da gerade der Führer eines kommunistischen Landes zum Affen. Weil viele nicht verstehen, was Kim Jong Un da gerade macht und was er will, hilft mensch sich mit der einfachsten Erklärung: Der Mann ist verrückt.

Aus koreanischer Sicht gibt es noch andere Erklärungsansätze, wie die Vorsitzende des Korea Verbands, Nataly Jung-Hwa Han, in einem Radiointerview erklärt. Darüber hinaus würden Menschen, die in Nordkorea gearbeitet haben und auch Südkorea gut kennen, von sehr vielen Ähnlichkeiten zwischen Nord- und Südkoreanern berichten (ab ca. Minute 4:50). Als ich vor über 20 Jahren selbst in Nordkorea war, hatte auch ich den Eindruck, dass ich es eher mit sehr konservativen Koreanern zu tun hatte (egal, was die Nordkoreaner von sich selbst behaupten) und nicht mit strammen Kommunisten. Die „Engstirnigkeit“ der Menschen ist aus meiner Sicht eher dem konfuzianischen Erbe geschuldet denn der Ideologie. Da westliche Menschen aber offenbar so gut wie keinen Zugang zu diesem Teil der koreanischen Mentalität finden, bleibt ihnen als einzige Erklärung offenbar nur die Ideologie.

„Beruhigend, dass die deutschen Medien doch in der Lage zu sein scheinen, vernünftige und unaufgeregte Situationsbewertungen zu erstellen.“

Quelle: Nordkoreahysterie, der Chuck Norris des Expertentums und ein Henne-Ei-Problem: Nachdenken über die aktuelle Nordkorea-Rezeption in Deutschland, Nordkorea-Info-Blog, 06.04.2013

So ist es auch kein Wunder, dass gerade deutsche Medien häufig in Hysterie verfallen, wenn sie über Nordkorea berichten, anstatt den Dingen mal wirklich auf den Grund zu gehen. Das geht so weit, dass das Nordkorea-Info-Blog sogar lobend erwähnen muss, wenn deutsche Journalisten sich wieder ihrer Profession erinnern und sachliche Analysen bieten (s. obiges Zitat). Warum schafft es ein deutscher Blogger, sich dem Thema Nordkorea viel sachlicher und umfassender zu widmen, als die deutsche Journaille? Keine Zeit? Kein Geld? Keine Lust?

Den Vogel schießt aus meiner Sicht allerdings ein Kommentar im Handelsblatt ab mit dem Satz: „Der Fall Nordkoreas entlarvt nämlich, dass es zwischen Kommunismus und Gewalt einen zwangsläufigen inneren Zusammenhang gibt.“

So ein Satz entlarvt aus meiner Sicht eher die ideologischen Scheuklappen des Autors als irgendeinen Zusammenhang zwischen Kommunismus und Gewalt. So ein Satz entlarvt, dass der Autor offenbar noch nie in Nordkorea war, offenbar auch noch nie in Südkorea war, offenbar noch nie mit Nordkoreaner gesprochen hat, wahrscheinlich auch kein Koreanisch kann und über keinerlei Kenntnisse der koreanischen Geschichte verfügt. Wenn ich keine Ahnung vom Thema habe, bleibt als Schreibmotiv offenbar nur eines: Ideologie.

Nordkorea sei ein Beleg dafür, dass es zwischen Kommunismus und Gewalt einen zwangsläufigen inneren Zusammenhang gäbe?
Wenn dem so wäre, dann müsste ja auch angesichts von knapp 40 Jahren (Militär)Diktatur (und stets in Gegenwart von rund 20.000 US-Soldaten) Südkorea ein Beleg für den zwangsläufigen inneren Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Gewalt sein. So ein Quatsch.

Wenn ich verstehen will, warum ich plötzlich einen Hautausschlag habe, dann muss ich mich damit beschäftigen, wie mein Körper beschaffen ist, welche Faktoren meinen Körper beeinflussen, welche Kombination von Faktoren in diesem Fall die Reaktion ausgelöst hat.
Wenn ich Nordkorea verstehen will, dann muss ich ebenfalls eine Menge Fragen stellen, die Ereignisse hinterfragen und anfangen, mit Menschen zu reden statt über sie. Wie ist Nordkorea entstanden, warum ist Korea überhaupt geteilt, wie denken Koreaner, wie unterscheiden sich Nord- und Südkoreaner, welche Rolle spielen die USA und China, welche Rolle spielt die Juche-Ideologie, wie unterscheidet sie sich von anderen kommunistischen Ideologien, wie unterscheidet sich die Denkweise der Menschen, die die Teilung und/oder den Koreakrieg am eigenen Leibe erlebt haben und die erst nach dem Koreakrieg geboren wurden, welche innenpolitischen Entwicklungen spielen eine Rolle, wie stehen alle Beteiligten zur Wiedervereinigung Koreas, wer verfolgt welche Interessen dabei, etc.

Ich weiß. Kompliziert. Aber einfache Antworten liefern nur Religion und Ideologie.

P.S. Warum ich auch sauer bin: Ich spreche nur rudimentär Koreanisch. Koreanische Zeitungen oder sonstige Medien auf Koreanisch kommen daher für mich als Informationsquelle nicht in Frage. Zumal ich die Neutralität sowohl der nord- als auch südkoreanischen Quellen etwas anzweifle.
Ich bin also auf deutsche oder englischsprachige Quellen angewiesen, und ich würde bei solch komplexen Themen gerne deutsche Quellen bevorzugen. Aber wie soll ich mich auf dem Laufenden halten, wenn deutsche Medien offenbar nicht in der Lage sind, sachlich, fundiert und ideologiefrei zu berichten? Zumal auch englischsprachige Quellen ebenfalls nicht wirklich besser sind.
Allein meine Erfahrung im Elternhaus und während meiner Besuche in Nord- und Südkorea sagt mir, wie viel Unsinn dann doch geschrieben wird. Sonst wäre ich genauso blind wie alle anderen Menschen und müsste auf Informationen vertrauen, die auf Vorurteile und Ideologie beruhen.
Nur, ist es meine Aufgabe als Bürger, die Medien zu informieren oder ist es die Aufgabe der Medien, mich zu informieren?

Einseitige Berichte führen nur zu einseitigen Meinungen, die wiederum zu Vorurteilen führen, die wiederum jeden Dialog verhindern.
Doch nur über einen Dialog erreichen wir einen Frieden in Korea.

Veröffentlicht von Daniel Sanghoon

Hi, ich bin Daniel Sanghoon Lee. Hier schreibe ich auf, was mich als Koreaner der zweiten Generation beschäftigt. Kommentare sind willkommen, werden aber moderiert. Da ich berufstätig bin, kann es etwas dauern, bis Dein Kommentar hier erscheint. Beim Kommentieren bitte ich, die Kommentarregeln zu beachten. Danke! ^^

2 Kommentare

  1. Hallo Daniel,

    mir geht es so das ich mich in viele Themen gar nicht zu sehr hineinziehen lasse. Die Aussagen der Presse sind für mich so gut wie nie ein Argument eine Sache zu be- bzw. ver-urteilen.
    Ich denke da an die Berichterstattung der Medien zu den Ausschreitungen in Griechenland. Letztes Jahr haben ich dort mit meiner Familie Urlaub gemacht. Viele fragten sofort ob es dort sicher genug ist um da Urlaub zu machen. Nach dem Motto das man uns ja an jeder Ecke, aus Hass auf Deutschland, niederstechen könnte.

    Die Presse und TV Berichterstattung hat erst dazu geführt das wir als Urlaubsreisende mit Bildern der Gewalt und Hassparolen Abstand davon nahmen dort Urlaub zu verbringen. Das was man an Bildern ständig vorgesetzt bekommen hat waren Eindrücke in erster Linie aus der Hauptstadt. Ja auch mich haben diese bewegten Bilder nicht unberührt gelassen.

    Das Erlebnis in Griechenland hat mich aber eines besseren belehrt! Die Menschen waren freundlich und aufgeschlossen. Man sprach auch über die Situation und wir braucheten kein Wort darüber verlieren das es der Bevölkerung ganz sicher nicht gut geht. Jeder der dort Einheimischen lebt aber auch vom Tourismus, sie selber sind bemüht solche Störungen von Touristenzentren fern zu halten.

    Unsere Gesellschaft wächst durch Medien und Infrastruktur, Weltweit immer enger zusammen. Für mich hat das nicht nur Vorteile. So sehe ich mich mit unzähligen Informationen aus aller Herren Länder konfrontiert. Es liegt in der Verantwortung jedes einzelnen sich hier ein Urteil zu bilden ob ich diesen Journalismus blind vertraue oder es doch kritisch hinterfrag. Dieser Verantwortung komme ich selten nach, denn das würde bedeuten das ich hingehe und mich mit dem Thema näher beschäftige.

    Zu oft gebe ich gerne Kommentare zu Themen ab die ich aus Presse oder Internet sporadisch verfolge, meist mein Fehler wenn ich dann durch Hinterfragen um Stellungnahmen zu Satzteilen gebeten werde die ich dann aber lieber unbeantwortet lasse.

    Die Informationsflut ist heute gewaltig, mit jedem Thema kann und will ich mich nicht beschäftigen.

    Das du als Koreaner die aktuelle Situation in Korea kritisch beobachtest finde ich gut und richtig. Es freut mich eine andere Sichtweise kennen zu lernen. Ob das so ist wie du schreibst, kann ich nicht beurteilen. Die Erfahrungen mit unserem (Einseitigen) Journalismus lassen mich aber annehmen hier auf einen objektiveren Blickwinkel zu treffen und dafür möchte ich dir danken!

    Glaubst du nicht auch das es daran liegen kann das sich nur mit extremen Nachrichten Aufmerksamkeit erhaschen lassen? „Normale“ Nachrichten mit neutralen Bildern werden heute wohl nicht beachtet, sind vielleicht gar nicht gewünscht.

    Nachfrage bestimmt das Angebot! Der Mensch im Allgemeinen ist für mich Verantwortlich für das was ihm als Konsument bietet, Hass und Gewalt…

    Lieben Gruß Daniel

  2. Hallo Daniel,

    „Die Aussagen der Presse sind für mich so gut wie nie ein Argument eine Sache zu be- bzw. ver-urteilen.“

    Ohne Presse musst Du Dir ja dann tatsächlich sämtliche Informationen zu einem Thema selbst besorgen, was zeitlich meist unmöglich ist. Wenn das Selbstbesorgen aber nicht möglich ist, kannst Du Dir ja kaum eine Meinung zu irgendeinem Thema bilden, wenn Du Dich nicht auf die Presse verlassen kannst. Das wäre furchtbar.

    „Glaubst du nicht auch das es daran liegen kann das sich nur mit extremen Nachrichten Aufmerksamkeit erhaschen lassen?“

    Ist das der Zweck der Presse? Es geht nur darum, Aufmerksamkeit zu erhaschen?

    Ich war so naiv anzunehmen, die Presse müsse informieren und aufklären. Und da der Staat mit der Presse seine Bürger manipulieren könnte, genieße die Presse hierzulande Freiheit und Unabhängigkeit gegenüber dem Staat. 😉

    Mal im Ernst: wenn die Nachfrage das Angebot bestimmt, was sagt das dann über uns Nachrichten-Konsumenten aus? Dass wir (wenn es um andere Länder geht) nur Hass und Gewalt sehen wollen?
    So wie im alten Rom: Brot und Spiele?

    Da stellst sich mir doch auch die Frage nach der Henne und dem Ei:

    Liefert uns die Presse nur „extreme“ Nachrichten, weil wir das wollen?
    Oder wollen wir nur einseitige Nachrichten, weil wir von den Medien so „erzogen“ worden sind?

    Und wie wollen wir uns dann in Zukunft gegen Ideologien wehren, wenn wir keine vielfältige Presse mehr haben?

    Btw: Ich bin nicht objektiv, ich schreibe hier rein subjektiv aus meiner Sicht. Objektivität ist das, was ich von der deutschen Presse erwarte… 😉