Mehr als nur Humankapital

Einer meiner Ökonomie-Professoren hatte mal in einer Vorlesung erzählt, dass er praktisch so gut wie nie in der freien Wirtschaft gearbeitet hätte. Da sei er ganz stolz darauf, hätte er sich doch so einen reinen Blick auf die Theorie bewahrt.

Beim Lesen eines Blog-Artikels über die AfD kam mir dann der Gedanke, dass so ein rein theoretischer Blick auf die Wirtschaft vielleicht doch nicht so sinnvoll sei. Denn, seien wir Ökonomen mal ehrlich, Menschen sind in der Wirtschaftstheorie reine Zahlen mit verschiedenen Parametern. Eines der wichtigsten Parameter ist der Nutzen, den jede Einheit erzeugt. Wenn 100.000 Personen arbeitslos werden, aber 120.000 eine neue Beschäftigung finden, dann jubeln Volkswirte (und Politiker), weil unter dem Strich eine positive Zahl steht: 20.000 mehr Menschen sind beschäftigt und weniger arbeitslos und leisten ihren Beitrag für die Gesamtwirtschaft. Für die 100.000, die neu arbeitslos geworden sind, ist das aber kein Trost, für diese ist möglicherweise gerade eine Welt zusammengebrochen. Der dabei entstandene Schmerz und die Zukunftsängste sind zwar menschlich, haben aber für die Erfassung des Humankapitals keinerlei Relevanz und werden daher in der Ökonomie nicht erfasst. Allein das Wort „Humankapital“ entmenschlicht uns zu einem Wirtschaftsfaktor, der entweder nützlich oder nutzlos ist.

Wenn ich höre, wie viele Volkswirtschaftsprofessoren bei der AfD mitwirken, dann wundern mich die Aussagen von Politikern der AfD nicht, wie sie laut verlinktem Artikel geäußert worden sein sollen.

Was nicht messbar ist und nur gefühlt werden kann, ist die Würde des Menschen, als Mensch an sich einen Wert zu besitzen. So etwas wie Würde kennt die Ökonomie aber nicht, denn Würde lässt sich nicht monetär bewerten noch hat sie einen konkreten wirtschaftlichen Nutzen. Rein theoretisch ist nur interessant, ob ein Mensch einen effektiven und effizienten Beitrag zum Sozialprodukt leisten kann. Insofern ist ein würdevoller Umgang mit Menschen völlig irrelevant.

„Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kamen Menschen“

soll Max Frisch einst über die „Gastarbeiter“ gesagt haben. Wir sind nicht nur Arbeitskräfte oder funktionale Einheiten, sondern in erster Linie Menschen mit Sehnsüchten, Erwartungen, Hoffnungen, aber auch Ängsten.

Doch so, wie schon früher „Gastarbeiter“ beurteilt wurden, werden offenbar nun auch alle anderen Menschen in diesem Lande auf ihren Nutzen hin gemessen. Wenn es nach dem Willen bestimmter Politiker bestimmter Parteien geht.

Das Leben lässt sich nicht auf eine theoretische Rechnung reduzieren, sondern muss praktisch erfahren werden. Ich hoffe sehr, dass nach der Bundestagswahl 2013 das Wahlvolk klar gemacht hat, dass es mehr ist als nur nützliches Humankapital.

Veröffentlicht von Daniel Sanghoon

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1 Kommentar

  1. „Die Zeit wird kommen, wo die Mehrzahl unserer gegenwärtigen Kontroversen auf diesen Gebieten uns ebenso trivial oder bedeutungslos vorkommen werden wie die theologischen Debatten, an welche die besten Köpfe des Mittelalters ihre Kräfte verschwendeten. Politik und Wirtschaft befassen sich mit Macht und Wohlstand, und weder dem einen noch dem anderen sollte das Hauptinteresse oder gar das ausschließliche Interesse erwachsener, reifer Menschen gelten.“

    Arthur C. Clarke (Profile der Zukunft)

    An die „Österreichische Schule“, die irgendwo im erzkapitalistischen „Wilden Westen“ der USA des 19. Jahrhunderts stecken geblieben ist und das für „Liberalismus“ hält, braucht kein weiterer Gedanke verschwendet zu werden. Was den Keynesianismus betrifft, der immerhin auf einer richtigen Zinstheorie basiert, so ist es die absichtlich irritierend formulierte Basis für den Versuch, etwas zu „regeln“, was nicht geregelt werden kann, solange es sich durch das vom Kapitalismus befreite Spiel der Marktkräfte nicht selbst regelt:

    „Der Sparer erzeugt mehr Ware, als er selbst kauft, und der Überschuß wird von den Unternehmern mit dem Geld der Sparkassen gekauft und zu neuen Realkapitalien verarbeitet. Aber die Sparer geben das Geld nicht her ohne Zins, und die Unternehmer können keinen Zins bezahlen, wenn das, was sie bauen, nicht wenigstens den gleichen Zins einbringt, den die Sparer fordern. Wird aber eine Zeitlang an der Vermehrung der Häuser, Werkstätten, Schiffe usw. gearbeitet, so fällt naturgemäß der Zins dieser Dinge. Dann können die Unternehmer den von den Sparern geforderten Zins nicht zahlen. Das Geld bleibt in den Sparkassen liegen, und da gerade mit diesem Geld die Warenüberschüsse der Sparer gekauft werden, so fehlt für diese jetzt der Absatz, und die Preise gehen zurück. Die Krise ist da.“

    (aus „Die Natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld“, 1916)

    20 Jahre später bezeichnete der „Jahrhundertökonom“ J. M. Keynes in seiner „Allgemeinen Theorie (der Beschäftigung der Politik)“ dieses Phänomen, das sich zwangsläufig aus der Verwendung von hortbarem Geld mit Wertaufbewahrungs(un)funktion (Zinsgeld) ergibt, als „Liquiditätsfalle“ – und beschrieb zwei Mittel, um sie hinauszuzögern: Erhöhung der Staatsverschuldung mit Ausgabe des Geldes für Projekte, die den Zinsfuß nicht senken (Löcher graben und wieder zuschaufeln, Kriegsrüstung, etc.), und Geldmengenausweitung.

    Um aus der Liquiditätsfalle herauszukommen, muss eine umfassende Sachkapitalzerstörung den Zinsfuß anheben. Diese früher sehr beliebte „Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“ konnte jedoch nur solange der „Vater aller Dinge“ sein, wie es noch keine Atomwaffen gab!

    Was nun?

    Silvio Gesell: „Wer es vorzieht, seinen eigenen Kopf etwas anzustrengen, statt fremde Köpfe einzuschlagen, der studiere das Geldwesen“ (und eben nicht die ganz hohe Kunst, etwas im Grunde so Einfaches wie das Geld NICHT zu verstehen):

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2013/01/geldtheorie.html

    Warum ist es für „Wirtschaftsexperten“, „Spitzenpolitiker“ oder Moralverkäufer einfacher, das Geld NICHT zu verstehen? Weil diese Dummköpfe dafür auch noch überdurchschnittlich bezahlt werden, solange geglaubt wird, die Marktwirtschaft sei ein „Obstgarten“ und die Liquiditätsverzichtsprämie müsste wohl auf „Apfelbäumchen“ wachsen:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2011/07/die-ruckkehr-ins-paradies.html